Schwierige Zeiten und neue Erfahrungen

Eine logopädische Behandlung aus der Ferne, am Bildschirm, durchführen? Das war bisher kaum vorstellbar und wurde von den Kassen auch nicht bezahlt. Doch angesichts der Corona-Krise ist diese Möglichkeit zumindest vorläufig geöffnet worden. Eine ganz neue Erfahrung, sagt Logopädin Annette Mehwald, die in der „Sprach-Schmiede“ in der Gänsheidestraße praktiziert. Sie hat die Teletherapie schon mit einigen Patienten ausprobiert. Ein Ersatz für die persönliche Begegnung sei das natürlich nicht, sagt sie, aber doch eine spannende Erfahrung und vielleicht in der Zukunft eine ergänzende Möglichkeit.

Logopäden gehören wie beispielsweise auch Ergotherapeuten oder Physiotherapeuten zur Gruppe der Heilmittelberufe. Doch unter die Rettungsschirme für Krankenhäuser und andere medizinische Einrichtungen fallen sie nicht und in der öffentlichen Diskussion würden sie oft vergessen oder gar mit Sonnen- und Tattoo-Studios gleichgesetzt, weiß Mehwald. Zu Unrecht: „Unsere Behandlung ist ärztlich verordnet und medizinisch erforderlich“, sagt sie und nennt Beispiele aus der Logopädie, die das verdeutlichen: den Schlaganfallpatient mit Schluckstörungen oder das Neugeborene, das mit einer Sonde versorgt wurde und deshalb Probleme mit dem Schlucken und Saugen hat. Aber auch beispielsweise für Fünfjährige mit sprachlicher Verzögerung, die eingeschult werden sollen, ist die Sprachtherapie dringend notwendig.

Schutzausrüstung ist Mangelware

So sind die Heilmittelerbringer von den Kassen grundsätzlich angehalten, ihre Behandlungen fortzusetzen, gleichzeitig aber ihre Patienten zu schützen. Nur wie, wenn keine Masken und keine Desinfektionsmittel zu bekommen sind? Glück hat, wer wie Annette Mehwald noch einiges Material auf Lager hat. Aber irgendwann ist es erschöpft und bislang kein Nachschub in Sicht. Weder die Kassenärztliche Vereinigung noch das Gesundheitsamt – bei beiden hat es Annette Meh wald vorausschauend schon versucht – haben bisher weitergeholfen.

Umsatz bricht ein

Finanziell wird es für sie und ihre Kollegen ebenfalls eng. Viele Patienten, bei denen die Dringlichkeit nicht so hoch ist, sagen vorsichtshalber selbst ihre Termine ab. Bei anderen, die der Risikogruppe angehören, wird die Therapie, wenn möglich, ebenfalls ausgesetzt. Unterm Strich, schätzt die Logopädin, bleiben rund 20 Prozent des „normalen“ Umsatzes übrig. Damit drohe vielen Praxen die Insolvenz, warnt der Berufsverband der Logopäden, Logo Deutschland: „Aufgrund jahrelanger systemischer Unterfinanzierung unserer Berufe“ seien kaum finanzielle Reserven vorhanden. Positiv sehen die Therapeuten, dass die Mittel der sogenannten „Corona- Soforthilfe“ auch für sie infrage kommen – damit könne man allerdings nur einen kleinen Teil der Ausfälle abdecken.