Fünf Wochen lang gab’s auf dem Aktivspielplatz (Aki) Raitelsberg wegen der Corona-Verordnung keinen offenen Betrieb. In dieser Zeit ist zwar eine Menge auf dem Gelände passiert und digital kommuniziert worden. Aber all das kann das Leben vor Ort nicht ersetzen, zieht Andreas Pohl, Vorsitzender des Trägervereins, Bilanz. Er freut sich wie alle Beteiligten darüber, dass wieder Leben auf dem Platz ist.

Ein paar Wochen sind eine lange Zeit für ein Vorschulkind, das noch sprachliche Lücken hat. Sie sind eine lange Zeit in einer kleinen Wohnung und besonders, wenn die Stimmung in der Familie angespannt ist. Andreas Pohl hatte deshalb schon eine Woche nach der Schließung dem Jugendamt ein Konzept vorgelegt, um möglichst schnell wenigstens für einige Besucher den Platz öffnen zu dürfen. Der Vorschlag sah unter anderem vor, den Aki in vier Bereiche aufzuteilen (Garten, Werkstatt und Spielfläche, Kleinkindbereich, Fußballfeld und Feuerstelle), die dann jeweils für zwei Stunden von einer Familie genutzt werden könnten. Ein festgelegter Zeitplan und die Mitarbeiter vor Ort würden dafür sorgen, dass das ohne Berührungspunkte zwischen den Familien abliefe. Mundschutz und Handschuhe wären ebenfalls Pflicht.

Der Aki-Leiter, der neben seinem Vollzeitjob bei Daimler nochmal rund 40 Stunden wöchentlich in dieses Ehrenamt investiert, hielt die Umsetzung des Konzeptes sowohl auf dem eigenen Platz als auch auf anderen Jugendfarmen und Aktivspielplätzen für problemlos möglich: Wo, wenn nicht auf einem Gelände mit sozialpädagogischer Betreuung, sollte das klappen? Entsprechend irritiert war er, als am 6. Mai zwar öffentliche Spielplätze – ohne jede Betreuung und Kontrolle – wieder geöffnet werden durften, Einrichtungen wie der Aki aber zunächst nicht. Der Grund: Sie werden als Kindertagesstätte eingestuft. Zunächst durften nur im Rahmen der „Hilfen zur Erziehung“ des Jugendamtes täglich zwei Familien, eine vormittags, eine nachmittags, den Aki besuchen. Dabei handelt es sich in der Regel um Eltern und Kinder, die sehr beengt wohnen. Sie konnten mit einer Betreuerin oder einem Betreuer vom Amt ein paar Stunden auf dem schönen Gelände verbringen – ein Segen für sie, wie ihre dankbaren Reaktionen deutlich machten. Daneben durften einige Familien, die schon länger in der Tierpflege auf dem Aki engagiert sind, diese unter Auflagen fortsetzen.

Und auch digital war der Aki für die Kinder und Jugendlichen präsent, die ihn sonst besuchen: Da wurden auf der Website neue Tiere vorgestellt, Videoclips und Podcasts produziert, eine Blumenpflanzaktion für Zuhause initiiert oder Namensvorschläge für die neuen Hühner gesammelt. Im Rahmen des MoMO-Projektes (Mobile Medienschule Stuttgart Ost) hat eine Aki-Familie einen Beitrag beim Freien Radio produziert und gesendet. All das, sagt Pohl, „sind tolle Sachen. Aber es sind nur kleine Tropfen“. Die regelmäßigen Besucher erreiche man digital kaum; sie hätten oft zu Hause gar nicht die Ausstattung, um diese Kanäle zu nutzen. Deshalb hat das Aki-Team über die digitale Schiene hinaus weitere Möglichkeiten geschaffen. So wurden ein Sorgentelefon eingerichtet und eine Postwurfsendung an 10 000 Haushalte verteilt, die die Kinder und ihre Familien ermutigte, sich zu melden und ihre Sorgen und Nöte zu schildern – ein Versuch, so Pohl, den Dialog im Fluss zu halten.

Kostenlos hergestellt wurden diese Flyer von Schreibwaren Wenzel und dem digital copy studio Ost, die Verteilung hat der Aki mit seinen Aktiven organisiert.

Dennoch blieb das Ziel, so schnell wie möglich wieder offenen Betrieb anbieten zu können. Im Durchschnitt kommen 70 kleine Gäste im Monat, in Spitzenzeiten bis zu 150. Sie sammeln auf dem Aki wichtige Erfahrungen mit der Natur und mit Aktivitäten, die in ihren Familien häufig komplett fehlen. Pohl weist auf einen weiteren Aspekt hin, der ihm in der Zeit des „Lockdown“ Sorgen machte: Im normalen Alltag haben Kinder, die schwierigen Verhältnissen oder sogar häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, einen gewissen Schutz durch den Kontakt zu Lehrern, Pädagogen und anderen Personen, die auf Auffälligkeiten achten. Das fiel während der Kontaktbeschränkungen nahezu komplett weg. Gut, dass der Aki seit dem 19. Mai wieder geöffnet hat – mit Einschränkungen, die man auf seiner Website nachlesen kann.