Manche Stammgäste fiebern dem Starttermin Mitte Juni mehr entgegen als Weihnachten: Bis Ende Juli bietet Rolf Kayser Live-Streaming aus den Mauersegler-Nistboxen unterm Dach im Alten Schulhaus Gablenberg. Kino hat in Corona-Zeiten Konjunktur – auch bei den Mauerseglern. Unter Einhaltung der geltenden Hygiene- und Abstandsregeln können gleichzeitig vier Personen den Nachwuchs der kleinen Könige der Lüfte unterm MUSE-O-Dach per Minikamera auf einer großen Bildwand betrachten. Neun Brutpaare haben die Hälfte der insgesamt 18 Nistkästen bezogen, gewissermaßen eine pandemiekompatible Belegung mit ausreichend Abstand. 20 Jungvögel wurden ausgebrütet, die den ganzen Monat, immer mittwochs ab 19 Uhr, neu gierige Besucher zur stimmungsvollen Piep-Show locken.

Kayser freut sich, dass mehr Vogelpaare als in den vergangenen Jahren gekommen sind. „Die Bestände scheinen sich zu erholen“, vermutet der Mauerseglerexperte. Er führt das auf einen reicher gedeckten Tisch der Zugvögel zurück, die sich von Insekten ernähren. In der vergangenen Zeit kam es vor, dass die Vogeleltern mangels Nahrung bei anhaltendem Regen, für einen Kurztrip nach Süd frankreich flogen, um dort Insekten aus der Luft zu keschern und sie, im Kehlsack gepresst, nach einer Woche ihren Jungen zu verfüttern. Die Nestlinge schalten ihren Organismus währenddessen auf Sparmodus und verfallen in einen Art „Hungerschlaf“, um zu überleben.

Während Rolf Kayser und Peter Metzler vom Museumsverein Stuttgart-Ost über das Leben der standorttreuen Flug künstler erzählen, zeigen die Kameras das anrührende Treiben in den Kinderstuben. Kayser schaltet von Box zu Box und erklärt, dass die Vögel die seitlichen Behausungen bevorzugen, weil sie geschützter sind, da nicht unmittelbar gegenüber dem Einflugloch. Das ornithologische „Mehrfamilienhaus“ verfügt über insgesamt zwölf Kästen. In einem fordern zwei Nestlinge mit herzerweichendem „Bettelpiepsen“ Futter. Die Kamera in der „Nach barwohnung“ zeigt eine zerbrochene Eierschale, aus der offen bar ein Junges geschlüpft ist. Im oberen Stockwerk befreien sich drei Jungvögel von ihren lästig juckenden Federn. Die drei Kollegen daneben sind erst eine Woche alt, vermutet Kayser, sie haben noch ganz nackte Hälse, aber riesige Augen. Eine Box muss von dem Experten geöffnet werden, weil sich die Kamera verstellt hat. Der Nachwuchs kuschelt sich unbeeindruckt in der Nistkuhle zusammen. Die zwei Tage alten Mauersegler im nächsten Bild sind federnlos mit glänzender Haut. Ein Vogelpaar sitzt noch auf den Eiern und wechselt sich mit dem Brüten ab. Die Kamera zeigt sehr schön die langen, sichelförmigen Schwingen und die kurzen Füße, die sich nur unzureichend zur Fortbewegung eignen, dafür umso besser zum Festklammern an senkrechten Wänden und im Kampf um den Brutplatz.

Mauersegler belegen immer die gleichen Nistkästen zum Brüten, manchmal fünf bis sechs Jahre hintereinander, hat Kayser beobachtet, und sie verteidigen ihr trautes Heim eisern. Einen Großteil ihres Lebens verbringen sie allerdings in der Luft. Sie sind tierisch viel unterwegs bis zu ihrem Winterquartier in Südafrika; Flugzeit: bis zu drei Monate. Ein Leben im Flug, wobei sie fressen, sich paaren und sogar schlafen. Lediglich zum Brüten sind sie für wenige Wochen in den Nistboxen und erfreuen das Publikum beim Mauersegler-Kino. Eine Anmeldung zum Bird- Watching ist nicht notwendig. Mund-Nasen-Masken müssen von den Besuchern verwendet werden.