Wer die neue Ausstellung im MUSE-O betritt, findet sich Aug‘ in Aug‘ mit Soldaten des Ersten Weltkriegs wieder.Ihre lebensgroßen Fotos sind auf Stoffbahnen gedruckt und im Raum verteilt. Geradezu scheinen sie die Besucher anzuschauen, nicht fröhlich, aber auch nicht niedergedrückt. Erst auf den zweiten Blick nehmen die Betrachter wahr, dass mancher ein geschientes Bein hat und dass in manchem Pyjama-Hosenbein nur noch ein Stumpf steckt. „Lassen Sie sich von den Bildern berühren“, riet Ausstellungsmacher Ulrich Gohl.

Die Fotos und Postkarten aus den Lazaretten, die in den ausliegenden Fotoalben mit Trans kription der damaligen Schrift zu sehen sind, bieten den Besuchern einen emotionalen Zugang zur Ausstellung „Verwundungen – Die Stuttgarter Lazarette des Ersten Weltkriegs“. Der zweite Ausstellungsraum mit Text-Bild-Tafeln und einem Touchscreen, auf dem man durch Fotos blättern kann, steht dagegen für die informative Annäherung ans Thema – und zwischendrin finden sich wie immer Exponate aus der damaligen Zeit, von einem bestens erhaltenen Feld-Operationsbesteck bis hin zur Laterne für Sanitäter.

Wie kam MUSE-O zu diesem Thema? Ulrich Gohl nannte in seiner Einführung mehrere Gründe dafür: Vor genau 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, in dem das Stuttgarter Hauptlazarett im Osten lag, denn der heutige Kulturpark Berg an der Teckstraße war ursprünglich ein Militärkrankenhaus. Zudem hat Historiker Gohl über die Jahre hinweg immer wieder Lazarettpostkarten ersteigert und gesammelt – das sei relativ einfach gewesen, da das Interesse an diesem Thema sich offenbar in Grenzen halte, berichtete er. Was ein Grund mehr war, sich damit auseinanderzusetzen. Allzu viele Ausstellungen zum Thema Lazarette gab es bisher in Deutschland nicht.

Die Lazarette waren zwar Orte des Leidens, aber auch Orte der Heilung und der Sicherheit. „Dort gab es ein Dach über dem Kopf, es gab etwas zu essen und es wurde nicht geschossen“, so Gohl. Fotografen lichteten die Verwundeten ab, Fotos wurden zu Postkarten Man würde erwarten, dass es darauf um die großen Lebensfragen gehe, „wenn jemand mit dem Tod ringt und Fürchterliches gesehen hat“, sagte Gohl. Tatsächlich seien die Texte aber überwiegend erstaunlich banal. Wofür es mehrere Erklärungen gibt: eine ist die Zensur, die bei der Soldatenpost stattfand, eine andere die  Tatsache, dass die Abgebildeten ihre Familien beruhigen wollten – und sich ohnehin nur diejenigen fotografieren ließen, denen es schon besser ging. Denn die zentrale Botschaft war: „Ich lebe noch.“

Das Totenbuch der Stadt Stuttgart für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs liegt in einer der Vitrinen und umfasst 700 eng bedruckte Seiten mit rund 10 000 Namen. So viele Stuttgarter Soldaten starben in diesem Krieg – deutlich mehr als im Zweiten Weltkrieg. Es war zudem der erste mit so vielen Verwundeten, berichtete Gohl, denn dank des medizinischen Fortschritts konnten auch schwerer Verletzte und Verstümmelte überleben. Auf den Text-Bild-Tafeln im MUSE-O geht es um die verschiedenen Formen von Feldpost ebenso wie von Lazaretten: Es gab beispielsweise auch Lazarettzüge. Modellhaft werden einige der 16 Stuttgarter Lazarette beschrieben und Fotos daraus abgebildet, neben dem Berger Garnisonslazarett war auch ein Teil des Alten Schlosses oder der Saalbau der Brauerei Dinkelacker für Kriegsverwundete eingerichtet. „Da sieht man erst, wo überall die Soldaten drin waren“, stellte Anna Maria Stallmach, die die  Vernissage besuchte, beeindruckt fest. Die Stuttgarterin erinnert sich noch an den Donner der Geschütze im Zweiten Weltkrieg. Passende Objekte zu dieser Ausstellung zu finden, war nicht  einfach: „Wer hebt schon ein Paar Krücken auf, das nicht mehr gebraucht wird?“, so Gohl. Das sei nach dem Krieg eher verheizt worden. Trotzdem bekam er mit Unterstützung von privaten Leihgebern und von anderen Museen einige sehr interessante Objekte zusammen.