Ein Kommentar des Handels- und Gewerbevereins Gablenberg

Liebe Stadtverwaltung,
liebe Gewerkschaft Verdi,

man stelle sich vor, dass Eltern die teuersten Nachhilfestunden bezahlen, um ihr Kind zu fördern. Gleichzeitig nehmen sie ihm alle Bücher weg und verbieten ihm das Lesen, weil sie befürchten, dass die Inhalte nicht pädagogisch wertvoll sind. Das wäre ziemlich widersinnig, entspricht aber in etwa dem, wie in Stuttgart mit Handel und Gewerbe umgegangen wird: Auf der einen Seite stehen millionenschwere Förderprogram me, auf der anderen büro kratische Hindernisse, die jegliche Eigeninitiative zu ersticken drohen.

So hat der Gemeinderat eine „Richtlinie zur Revitaliserung von Ladenlokalen in Geschäftsstraßen“ beschlossen, wie im Stuttgarter Amtsblatt vom 13. Dezember nachzulesen war: Mit einem In ves titions fonds in Höhe von 2,7 Millionen Euro sollen die Zentren von Bad Cannstatt, Feuerbach, Untertürkheim, Vaihingen, Weilimdorf und Zuffenhausen gefördert werden, weil nicht nur die Nahversorgung, sondern auch „ihre gesellschaftliche und kulturelle Funktion“ verlorenzugehen droht. Gablenberg, Ostheim oder der Stöckach sind nicht dabei, vielleicht sind die „Trading-Down-Prozesse“, also der fortschreitende Zerfall von Handel und Gewerbe, hier nicht weit genug fortgeschritten. Doch dem, was Handel und Gewerbe selbst für sinnvoll halten und in Eigenregie auf die Beine stellen, werden regelmäßig Steine in den Weg gelegt. Aus diesem Grund gibt es bereits keinen verkaufsoffenen Sonntag in Ostheim mehr. Lokale Feste, ob Lange Ost Nacht oder Brunnenfest, drohen unter den Auflagen und den damit verbundenen steigenden Kosten und Risiken zu ersticken. Und langjährige Veranstaltungen wie der Maioder der Martinimarkt in Gablenberg genehmigt die Stadt zunächst einmal nicht, sondern meldet Zweifel an deren lokaler Bedeutung an. So geschehen in Gablenberg: Der Handels- und Gewer beverein Gablenberg hatte bereits im September wie jedes Jahr seine Anträge gestellt. Mitte Dezember bekam er den Hinweis vom Amt für öffentliche Ordnung, dass die üblichen Unterlagen nicht ausreichend seien und die Bedeutung der Veranstaltungen weiter erläutert werden müsse. Am besten noch vor Weihnachten, damit sich das Amt im neuen Jahr nicht noch einmal mit dieser Sache befassen müsse. Was der HGV postwendend tat. Aber bis Mitte Januar lag noch keine Genehmigung vor.

Nun soll auf der einen Seite ein Maimarkt attraktiv sein, mit vielen Ständen und einem Rahmenprogramm, damit alle Beteiligten profitieren. Man kann aber noch kein Rah menprogramm planen und Marktbeschicker werben, wenn nicht einmal eine Genehmigung vorliegt – sonst würde man unter Umständen die Leute für immer verprellen. Liebe Stadtverwaltung, habt ihr euch schon mal überlegt, dass wir zwar Geschäftsleute sind, uns aber mit der Organisation von Märkten und der Unterstützung von Festen – insbesondere der Langen Ost Nacht, die ja komplett außerhalb unserer Öffnungszeiten stattfindet – weit über unser Kerngeschäft hinaus für den Stadtteil einbringen? Deshalb machen ja auch nicht alle Geschäfte mit. Aber die, die es tun, sind in diesem Moment ehrenamtlich tätig! Das solltet ihr bedenken, wo doch allseits betont wird, wie wertvoll das Ehrenamt ist.

Liebe Verantwortliche bei Verdi, die ihr meint, unsere verkaufsoffenen Sonntage aus Gründen des Arbeitnehmerschutzes unterbinden zu müssen: Habt ihr schon mal daran gedacht, dass in Gablenberg die Geschäfte um sechs oder halb sieben schließen und samstags kurz nach Mittag, während die Einkaufszentren der Innenstadt deutlich längere Öffnungszeiten haben? Ist das nicht mehr als ein Ausgleich für zwei Mal fünf Stunden Sonntagsarbeit im Jahr? Wir laden euch herzlich ein, einen unserer verkaufsoffenen Sonntage zu besuchen und das die Mitarbeiter selbst zu fragen. Sofern ihr welche findet – tatsächlich stehen nämlich beim Mai- und Martinimarkt fast ausschließlich die Inhaber selbst und ihre Familien im Laden. Deshalb wird aus dieser Klage über die Bürokratie nun doch noch ein Tipp: Kommen und vor Ort schauen wäre weitaus sinnvoller als Paragrafen zu reiten.

Euer Handels- und Gewerbeverein Gablenberg